Geteiltes Leid ist halbes Lied: Michaela Wambacher, Obfrau und Gründungsmitglied, im Interview zum 20-jährigen Achterbahn-Jubiläum
Vor 20 Jahren, am 14. Juni 2006, gründeten Kurt Senekovic und Michaela Wambacher den Verein Achterbahn – eine Selbsthilfeorganisation für Menschen mit psychischen Erkrankungen. Aus der von der eigenen Betroffenheit getragenen Vision wurde in zwei Jahrzehnten ein steiermarkweites Netzwerk, das heute 12 Selbsthilfe-, Freizeit- und Kreativgruppen in Graz, 10 Außenstellen in den steirischen Bezirken sowie niederschwellige Peer-Beratungen anbietet. Außerdem ist der Verein in wichtigen Gremien des psychosozialen Bereichs auf Bundes-, Landes- und Stadtebene vertreten. Anlässlich des Jubiläums blickt Wambacher im Interview auf die Anfänge, Meilensteine und Herausforderungen des Vereins zurück.

Aufbruchsstimmung: „Wir wollten, was es nicht gab.“
Frage: Was hat Kurt Senekovic und Sie dazu bewegt, den Verein Achterbahn ins Leben zu rufen?
Wie war die Stimmung in der Gründungszeit?
Wambacher: Ich hatte im Jahr 1998 eine psychische Krise, die einen stationären Aufenthalt erforderte. Auf der psychiatrischen Station formierte sich spontan eine Patientengruppe, in der wir uns gegenseitig das Herz ausschütteten. Dort durfte ich erleben, wie entlastend es sein kann, sich mit anderen Betroffenen auszutauschen. So reifte in mir damals die Idee, eine Selbsthilfegruppe ins Leben zu rufen. In der Steiermark gab es damals keine derartigen Angebote.
2004 lernte ich durch Zufall Kurt Senekovic kennen, der aufgrund seiner eigenen Erfahrungen mit psychischer Erkrankung dieselbe Vision hatte: niederschwellige, kostenfreie Selbsthilfe. Mit diesem gemeinsamen Ziel gründeten wir 2006 den Verein Achterbahn. Wir vernetzten uns mit Professionist:innen und Angehörigen-Vertreter:innen, um die Achterbahn in der psychosozialen Versorgungslandschaft bekannt zu machen und unsere Anliegen – wie die Mitbestimmung bei der Psychiatrie-Planung und die Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen – voranzutreiben. Es herrschte Aufbruchstimmung!
Doch die Anfänge waren auch von Herausforderungen geprägt. Obwohl Kurt unermüdlich politische Büros abklapperte, fehlte uns noch die Basisfinanzierung. Dankenswerterweise stellte uns die Gesellschaft für seelische Gesundheit (GFSG) kostengünstige Räumlichkeiten in der Plüddemanngasse in Graz zur Verfügung. Mit der ersten Förderung der Plattform Psyche / Gesundheitsfonds Steiermark konnten wir dort ein kleines Büro einrichten und unsere Arbeit aufnehmen. Unsere Psychiatriekoordinatorin, Frau Dr. Dr. Krainz hatte schon damals die Bedeutung der Peerbewegung für die psychosoziale Versorgung in der Steiermark erkannt. Im April 2007 wurde dann die erste Achterbahn-Selbsthilfegruppe gestartet.
Doch die Anfänge waren auch von Herausforderungen geprägt. Obwohl Kurt unermüdlich politische Büros abklapperte, fehlte uns noch die Basisfinanzierung. Dankenswerterweise stellte uns die Gesellschaft für seelische Gesundheit (GFSG) kostengünstige Räumlichkeiten in der Plüddemanngasse in Graz zur Verfügung. Mit der ersten Förderung der Plattform Psyche / Gesundheitsfonds Steiermark konnten wir dort ein kleines Büro einrichten und unsere Arbeit aufnehmen. Unsere Psychiatriekoordinatorin, Frau Dr. Dr. Krainz hatte schon damals die Bedeutung der Peerbewegung für die psychosoziale Versorgung in der Steiermark erkannt. Im April 2007 wurde dann die erste Achterbahn-Selbsthilfegruppe gestartet.
20 Jahre Achterbahn: Meilensteine & Entwicklung
Frage: Wenn Sie heute auf die letzten 20 Jahre zurückblicken: Was waren für Sie die wichtigsten Momente oder Projekte, die den Verein besonders geprägt haben? Wie hat sich die Arbeit des Vereins seit der Gründung entwickelt?
Wambacher: Das ist gar nicht so einfach zu beantworten. Es gab viele schöne Momente. Erfreulich war für mich vor allem die steigende Nachfrage unserer Selbsthilfegruppen, zu denen später auch Freizeit- und Kreativangebote kamen. Wir konnten unser Angebot für Betroffene dank Förderzusagen durch die Stadt Graz und das Land Steiermark und die Gesundheitsfonds Steiermark dem steigenden Bedarf entsprechend jährlich erweitern. Das hat uns motiviert, immer weiterzumachen. Unser Team wuchs aus den Gruppen heraus: Betroffene, die sich gesundheitlich soweit stabilisiert hatten, dass sie ihre Mitarbeit anbieten konnten. Auch für die ersten Außenstellen in Deutschlandsberg, Hartberg, Liezen und Weiz stellten uns professionelle Trägerorganisationen, allen voran die GFSG und Rettet das Kind Steiermark, in ihren örtlichen Einrichtungen kostenlos Räumlichkeiten zur Verfügung. Sonst hätten wir uns das nicht leisten können. Seit 2012 bin ich nicht mehr ehrenamtlich tätig, sondern im Verein angestellt – das war auf jeden Fall für mich ein Meilenstein!
Bis dato ist das Achterbahn-Team auf rund 30 Mitarbeitende angewachsen, bietet in Graz insgesamt 12 Selbsthilfegruppen an und kann auf 10 Außenstellen in den Bezirken verweisen. Außerdem führen drei professionell ausgebildete Peer-Beraterinnen in Graz, Leibnitz, Voitsberg und Feldbach niederschwellige Einzelberatungen durch – ein absolutes Novum in der Steiermark. Der Bedarf ist groß und deshalb möchten wir dieses Angebot weiter ausbauen. Dafür haben wir in diesem Jahr die EX IN Ausbildung nach Graz geholt, in der Betroffene zu Peer-Berater:innen ausgebildet werden.
Bei der Wahrnehmung der Achterbahn in der Öffentlichkeit ist noch Luft nach oben. Die hohe Stigmatisierung von psychischen Erkrankungen macht es Betroffenen vor allem auf dem Land schwer, zu uns zu kommen. Angesichts der steigenden Zahl von Menschen mit psychischen Erkrankungen und der Überlastung der Psychosozialen Zentren wird der Bedarf immer größer, doch die aktuelle Finanzkrise fordert uns alle heraus. Seit diesem Jahr sind wir spendenbegünstigt – d.h. Spenden an den Verein sind steuerlich absetzbar. So erhoffen wir uns in Zukunft finanzielle Unterstützung von Privatpersonen und aus der Wirtschaft.
„Grenzen sind da, um überwunden zu werden.“
Frage: Gab es Momente, in denen der Verein Achterbahn an Grenzen gestoßen ist – und wie haben Sie diese überwunden? Worauf sind Sie im Rückblick besonders stolz?
Wambacher: Unser Credo lautet: „Grenzen sind dazu da, um überwunden zu werden.“ Es ist normal, immer wieder an Grenzen zu stoßen. Und dann gibt es zwei Möglichkeiten: aufgeben oder innehalten, reflektieren und uns neu ausrichten. Zweiteres ist unser Umgang mit Herausforderungen.
Besonders stolz sind wir auf das Ergebnis einer externen Evaluation, die bestätigt, was von Anfang an unsere Intention war: Menschen mit psychischen Problemen ein umfassendes, niederschwelliges Angebot gegen Einsamkeit und Stigmatisierung zu bieten, das fehlende soziale Kontakte ausgleicht und Hoffnung gibt.
Erfreulich ist auch, dass demnächst zwei unserer Peer-Beraterinnen im LKH Graz II / Standort Süd ihre Arbeit aufnehmen werden. Ich möchte betonen, dass alles, was bisher geschaffen wurde, nur mit unserem engagierten Team möglich war. Alle Peers sind mit Herzblut bei der Sache – die eigenen Erfahrungen mit psychischen Krisen spielen dabei eine wesentliche Rolle
Wie Selbsthilfe Leben verändert
Frage:Können Sie uns ein konkretes Beispiel nennen, das zeigt, wie die Arbeit des Vereins Achterbahn das Leben von Menschen berührt oder verändert hat?
Wambacher: Vor einiger Zeit kontaktierte uns eine mobile sozialpsychiatrische Betreuerin wegen eines alleinlebenden älteren Klienten, der unter einer schweren Form der Epilepsie litt und sich nicht mehr allein aus dem Haus traute. Durch diese Isolation wurde er depressiv. Die Betreuerin war ratlos und befürchtete einen Suizid.
Da der Mann pensionierter Bestatter war und sich gerne kreativ betätigte, empfahlen wir den Besuch unserer Kreativ- und Gartengruppe in Graz. Er nahm das Angebot gut an, und sein Know-how bereicherte die Gruppen. Durch die neue Aufgabe und den Kontakt mit anderen Betroffenen kam wieder Sinn und Hoffnung in sein Leben, und er erholte sich von seiner Depression. Eine Win-Win-Situation für alle Beteiligten.
„Jede einzelne Begegnung ist eine Bereicherung.“
Frage: Gibt es ein Erlebnis oder eine Begegnung, die Ihnen besonders im Gedächtnis geblieben ist?
Wambacher: Eine interessante Begegnung hatte ich vor einigen Jahren mit Frau Dr.in Irmgard Griss, der bekannten ehemaligen österreichischen Höchstrichterin und aktuell Leiterin der unabhängigen Reformkommission der SOS-Kinderdörfer Österreich. Frau Griss meldete sich bei mir, nachdem ich sie wegen eines von ihr verfassten und aus meiner Sicht undifferenzierten Kommentars in der Kleinen Zeitung kritisiert hatte. Sie hat das sehr ernst genommen. Ich rechne es ihr hoch an, dass sie uns daraufhin persönlich in Graz besuchte – um sich darüber auszutauschen und um unseren Verein kennen zu lernen.
Unzählige Erlebnisse und Begegnungen hatte und habe ich natürlich mit Betroffenen inner- und außerhalb der Achterbahn. Jede einzelne Begegnung hat mein Denken und Handeln bereichert.
Ein Blick in die Zukunft: Wohin geht die Reise?
Frage: Ein Jubiläum ist auch ein Blick nach vorn: Wie soll es in den nächsten Jahren mit Achterbahn weitergehen?
Unser Hauptaugenmerk liegt auf der steiermarkweiten Ausrollung von professioneller Peer-Arbeit und deren Implementierung in die psychosoziale Versorgung. Aktuell gibt es dafür eine Anschubfinanzierung aus dem Licht ins Dunkel-Innovationsfonds 2024. Wir setzen uns außerdem für die Verankerung des Berufsbildes im Sozialbetreuungsberufegesetz ein.
Unser Ziel ist die umfassende Teilhabe von Menschen mit psychischen Erkrankungen am gesellschaftlichen Leben. Wir sitzen in allen wichtigen Gremien des psychosozialen Bereichs und setzen uns unermüdlich für die Entstigmatisierung ein.
Ich hätte mir niemals vorstellen können, dass wir mit dem Verein Achterbahn so viel erreichen. 6000 Kontakte mit Betroffenen pro Jahr belegen die Bedeutung unseres Angebotes und unterstreichen den Sinn unseres Engagements. Das treibt mich an, noch mehr zu tun und zu erreichen. Denn der aktuelle Status Quo ist noch nicht das Ende der Fahnenstange und ein bisschen bleib ich noch!
Eine Vision, die ich mit mir herumtrage, ist die Errichtung eines peergeleiteten, niederschwelligen Genesungszentrums auf dem Land – ein Ort, an dem Betroffene kostengünstig andocken können, wenn sie eine Auszeit brauchen.
Herzlichen Dank für das Gespräch!

Über Michaela Wambacher: Die gelernte Architektin (*1961) ist Mitbegründerin und seit 2020 Vorstandsvorsitzende von Achterbahn Steiermark. Sie setzt sich für die Entstigmatisierung von psychischen Erkrankungen, die nachhaltige Inklusion von Betroffenen in der Gesellschaft und die Implementierung von Peer-Arbeit in der psychosozialen Versorgung ein. Als Erfahrungsexpertin veröffentlicht sie Artikel und Kommentare, stellt sich als Referentin, Diskussions- und Interviewpartnerin zur Verfügung und wirkt in diversen Gremien mit.
Die Tätigkeiten des Vereins Achterbahn Steiermark werden vom Gesundheitsfonds Steiermark, vom Land Steiermark/A 11 – Soziales, Arbeit und Integration und A/11 – Gesundheit und Pflege sowie von der Stadt Graz gefördert. Für die Angebote in den Außenstellen stellen uns die PSD Steiermark sowie die Chance B freundlicherweise Räumlichkeiten zur Verfügung.