Workshop: Psychische Krisen, Sommerhitze, Medikamente: Wie spielt das zusammen?
Der innovative Workshop beleuchtete die Auswirkungen von Hitze auf die psychische Gesundheit, den Umgang mit Medikamenten und bat Raum zum Austausch.
Am 29. Oktober 2026 traf sich eine Gruppe interessierter Menschen, darunter auch Personen mit eigener Erfahrung mit psychischen Krisen, im Klubhaus der Achterbahn in Graz. Anlass war ein gemeinsamer Gesundheits-Workshop von Projekt UNTERWEGS! von „inspire – Bildung und Beteiligung“ und „ACHTERBAHN – unabhängige Peerbewegung für psychische Gesundheit“ zum Zusammenspiel von psychischer Gesundheit, Sommerhitze und Medikamenten – insbesondere Psychopharmaka. Dies ist ein „unterbelichtetes“ Thema in der Gesundheitsförderung. Der Workshop sollte helfen, sich auf den Sommer 2027 frühzeitig vorzubereiten.

Die Psychiaterin und Psychotherapeutin Dr.in Brigitte Fuchs-Nieder sowie der Apotheker Mag. Helge Oswald beleuchteten die brennende Frage aus medizinischer, sozialer und pharmazeutischer Perspektive. Ihre fundierten und anschaulichen Fachbeiträge lieferten zahlreiche praktische Tipps für den Alltag und bildeten die Grundlage für einen regen Austausch mit den Teilnehmenden.
Brigitte Fuchs-Nieder erläuterte, dass eine psychische Krise keine Krankheit im engeren Sinne ist, sondern aus einer vom Individuum nicht mehr selbständig lösbaren Überforderungssituation entsteht. Das kann sich durch unterschiedlichste Symptome äußern. Anhaltende Hitze kann psychische Belastungen verstärken, reizbar und aggressiv machen und bestehende psychische Erkrankungen hin zur akuten Krise verschlechtern. Hitzestress führt zu einer verstärkten Ausschüttung von Stresshormonen wie Cortisol, was zu innerer Unruhe, zur Verstärkung von Angst- oder/und Depressionssymptomen, sowie erhöhtem Aggressionspotential führt. Kontrollverlust, Rückzug oder Einsamkeit können die gravierenden Folgen sein. Psychopharmaka können bei Hitze kritische Auswirkungen haben, wie verringertes Durstgefühl, zu wenig Schwitzen oder erhöhte Körpertemperatur. Fuchs-Nieder reicherte dies mit Beispielen zu gängigen Medikamentengruppen an, wie Stimmungsstabilisierer, „Benzos“, Antidepressiva oder Antipsychotika. Besonders wichtig sind daher ausreichend Flüssigkeit, kühle Aufenthaltsorte, aber auch soziale Kontakte und eine gute Abstimmung mit Ärzt*innen. Dass soziale Ungleichheit die Hitze-Risiken verstärkt, kann man zum Beispiel an den unterschiedlichen Hitzebelastungen in den Grazer Bezirken Lend und Uni-Viertel wissenschaftlich nachweisen. Hier ist Stadtentwicklung, Grünraumplanung sowie Verkehrspolitik dringend gefragt – gut, dass sich hier schon einiges tut – aber auch lokal verankerte Nachbarschafts-Initiativen sind hilfreich.
Helge Oswald erklärte, wie Hitze den Kreislauf, bestehende Erkrankungen und die Wirkung sowie die Qualität von Arzneimitteln beeinflussen kann. Mehr Hitzetage bedeuten mehr Belastung – besonders für ältere Menschen, chronisch Erkrankte oder Personen mit Dauermedikation. Diese Risikogruppen verdienen besondere Aufmerksamkeit. Bestimmte Medikamente können zum Beispiel die körpereigene Temperaturregulation beeinträchtigen. Warnzeichen für gefährliche Hitzebelastung sind neben Durst, Schwindel und Kopfschmerzen auch Verwirrtheit, Erbrechen oder Durchfall, arbeite Helge Oswald heraus. Wie wichtig es ist, Packung und Gebrauchsanweisung von Arzneimitteln genau zu studieren – wenn einem das möglich ist – wurde ebenfalls betont. Besonders hitzeempfindlich sind Zäpfchen, Cremes/ Gele, Gelatinekapseln, Pflaster und Dosieraerosole. Arzneimittelhaltige Pflaster können beispielsweise in der Hitze mehr Wirkstoffe als geplant abgeben, was gesundheitlich belasten kann. Die Lagerung von Arzneimitteln in der Sommerhitze verdient besondere Aufmerksamkeit. Hier kann ein abgedunkeltes Schlafzimmer geeignet sein, nicht jedoch der Kühlschrank oder gar das Auto. Bei Beschwerden oder Fragen zur Dosierung gilt: Medikamente niemals eigenmächtig verändern, sondern ärztlichen oder pharmazeutischen Rat einholen.
Im anschließenden Erfahrungsaustausch berichteten die Teilnehmenden von den Belastungen des Hitzesommers 2026. Das Thema „Sommerdepression“ als – im Gegensatz zur Herbst-/Winterdepression – leider noch weitreichend unbekanntes Phänomen kam zur Sprache. Diskutiert wurden unter anderem die Bedeutung von Grünräumen und alten Bäumen, gut belüftbaren Wohnungen und erreichbaren kühlen Räumen sowie Trinkbrunnen. Auch scheinbar einfache Dinge wie saubere öffentliche WC-Anlagen wurden als wichtig angesprochen – nicht zuletzt als jene Orte, an denen man sich kurz erfrischen, sich vor Hitze und grellem Sonnenlicht zurückziehen und die Handgelenke kühlen kann.
Kaum bekannt ist die Auswirkung von Hitze auf den Magen-Darm-Trakt. Manche Menschen reagieren auf die extreme Hitze mit Durchfall, was wiederum zu einem Flüssigkeits- und Elektrolytverlust führt. Da dies auch Herz-Rhythmus-Störungen verursachen kann, ist hier unbedingt ärztlicher Rat einzuholen. Besonders die lange Dauer der Hitzewelle im Sommer 2026 führte bei vielen zu einem Gefühl von Kontrollverlust. „Man kommt nicht mehr aus.“ „Wann ist das alles vorbei?“ „Wie soll ich im nächsten Jahr tun?“ Die Beunruhigung bzw. Angst vor dem nächsten Sommer ist groß. Für manche fühlte sich die Hitzeperiode wie ein harter „Lockdown“ in der COVID19-Pandemie an, sie fühlten sich isoliert. Tipps wie die Fenster bei Hitze zu verdunkeln kann sich wiederum negativ auf die Psyche auswirken. Insgesamt wurde festgestellt, dass das öffentliche Leben in Österreich noch schlecht auf Hitzeperioden eingestellt ist, da Konzepte, wie etwa die im Süden praktizierte Siesta, nicht mit dem hiesigen System (Öffnungszeiten, Arbeitsabläufe) vereinbar ist. Essenziell ist Lüften nur nachts oder in den frühen Morgenstunden sowie der Aufenthalt an kühlen Orten (z.B. Kirchen, Büchereien, Schwimmbäder, Supermärkte, Einkaufszentren, Kinos, Museen, Parks, an Gewässern).
Eine zentrale Erkenntnis des Workshops: Ein funktionierendes soziales Netz ist gerade in Hitzeperioden besonders wichtig. Einsamkeit stellt nicht nur eine soziale, sondern auch eine gesundheitliche Belastung dar. Deshalb sollten bestehende Alltags-Routinen oder Besuche bei psychosozialen Einrichtungen und Selbsthilfeangeboten möglichst aufrechterhalten werden. Auch Erfahrungen mit der Hitze am Arbeitsplatz sowie praktische Tipps für den kommenden Sommer, etwa konsequent umgesetzte Spaziergänge in schattigen Orten mit ausreichend Trinken, wurden besprochen. Dass der Sommer 2026 in Österreich mit extremer Hitze und mit Tropennächten zu knapp 1000 hitzebedingten Todesfällen führte, ist ein massives Warnzeichen, das aufrüttelt.
UNTERWEGS! und Achterbahn Steiermark geben die gesammelten Erfahrungen und Anliegen an Politik und Verwaltung weiter. Ziel ist es, die Bedürfnisse von Menschen mit psychischen Belastungen bei der Planung und Umsetzung von Maßnahmen zur Klimawandelanpassung stärker zu berücksichtigen. Besonders wichtig erscheint dabei die Verbindung zwischen individuellen Bewältigungsstrategien und den gesellschaftlichen Rahmenbedingungen: Konsumfreie kühle Räume, Grünflächen, öffentliche Infrastruktur und soziale Teilhabe müssen gerade auch für Menschen mit psychischen Belastungen in Hitzemonaten zugänglich sein. Klimawandelanpassung und Gesundheitsförderung gehen hier Hand in Hand. Darin waren sich die Teilnehmenden sowie Ina Plattner (inspire und Achterbahn), Michaela Wambacher (Obfrau Achterbahn Steiermark), Irene Strauss (inspire) und Edith Zitz (inspire, Leitung „UNTERWEGS!“) mit den Expert*innen Brigitte Fuchs-Nieder und Helge Oswald einig.

Text: Edith Zitz, Ina Plattner, Irene Strauss
